Ein Geschenk

Weißt du, ob du du dein Leben in vollen Zügen lebst?

Vom Fenster ihres Büros, das in einem Wolkenkratzer hoch über den Dächern der Stadt trohnte, konnte sie die Menschen unten auf der Straße nicht sehen. Sie waren bloß verschwommene Punkte, die sich wie Käfer gemächlich bewegten. Das hätte sie gewusst, wenn sie ihren Blick einmal durch das mächtige Bürofenster nach außen gewandt hätte, anstatt mit den Augen ständig an ihrem Laptop zu hängen. Bedächtig analysierte sie noch einmal die Zahlen, die sie erwirtschaftet hatten. Ihr Herz flatterte dabei. Nicht, weil sich der hart erarbeitete Erfolg einstellte – das Gefühl kannt sie schon allzu gut – sondern, weil das Haus, das sie sich kaufen würde, nun noch leistbarer für sie war. Ein viel zu großes Haus für eine Person, aber immerhin würde ihr Ansehen steigen.
Das Telefon klingelte und riss sie aus ihren Träumereien. Sie setzte ihr ernstes Gesicht auf, das sie mittlerweile auch privat kaum noch ablegte, und ging ran.
„Hallo, Liebling“, trällerte ihr Vater fröhlich.
„Wie geht´s dir?“, fügte ihre Mutter hinzu.
Sie hasste es, dass ihre Eltern sie in der Arbeit störten. Und vor allem hasste sie es, wie sie mit ihr sprachen.
„Ganz gut.“
„Sahnebonbon?“
„Mhm.“
„Du kommst doch heute? Immerhin ist Weihnachten. Oma sieht kaum noch etwas, aber sie hat ihre leckeren Kekse für dich gebacken. Die liebst du doch so!“
Sie kniff die Augen zusammen und knetete ihren Nasenrücken. Diese Unsicherheit machte sie verrückt. Ihre Eltern waren zu weich.
„Da ist eine wichtige Party, bei der ich erscheinen muss. Neue Kunden, Geschäftspartner..“
Ihre Mutter schluckte. Sie konnte hören, wie sich Schritte entfernten.
„Deine Mutter musste schnell etwas vom Herd nehmen“, die Stimme ihres Vaters wurde leiser, „Sie würde sich unheimlich freuen, dich zu sehen. Du weißt, wer außerdem noch kommt.“
Ihr Kopf schnellte nach oben und sie betrachtet das Bild auf ihrem Schreibtisch. Zwei Kinder umarmten sich. Kurz umfing sie eine Wärme, die sie schnell wieder abstreifte.
„Es tut mir leid.“ Sie legte auf.
Harsch wünschte sie ihren Mitarbeitern frohe Weihnachten, bestand darauf, dass sie nach den Feiertagen wieder pünktlich im Büro waren und trat dann auf die vielbelebte Straße. Hier fühlte sie sich wohl, wenn ihr Männer zuzwinkerten und Leute sie erkannten.
Sie trat in einen Buchladen. Menschen tummelten aufgeregt zwischen Bücherstapeln durch das Geschäft. Sie suchte noch ein Buch für ihren Vater, das sie gemeinsam mit den anderen Geschenken, ihrer Familie zuschicken konnte.
Ein kleiner Junge rannte gegen sie und blieb dann erschrocken stehen. Sein Antlitz kam ihr irgendwie bekannt vor.
„Was machst du denn hier?“
Ihr ehemaliger Kollege, der viel zu ihrem Erfolg beigetragen hatte, stand vor ihr. Sie fiel ihm in die Arme.
„Ich kaufe auf den letzten Drücker Geschenke“, gestand sie verlegen.
„Das sieht dir ähnlich.“
Ein unbehagliches Gefühl stieg in ihr auf. Sie konnte es nicht leiden, dass er wusste, wie sie vor gar nicht allzu langer Zeit gewesen war.
Er hatte sich verändert. Sein Gesicht strahlte viel mehr Frische und Jugendlichkeit aus, als früher. Als sie daran dachte, wie er ausgesehen hatte, als er die Firma wegen Burnout verlassen hatte müssen, bekam sie ein schlechtes Gewissen. Sie hatte seinen Platz eingenommen.
„Du siehst sehr zufrieden aus.“
„Ich bin mehr als zufrieden. Ich bin überglücklich.“ Er beobachtete seine Frau und seinen Sohn für ein paar Sekunden.
„Fehlt dir die Firma nicht?“
„Ich mach privat kleinere Projekte und habe nebenbei viel Zeit für meine Familie. Das Unternehmen wird immer ein Teil von mir sein, aber es gehört in die Vergangenheit. Ich habe alles was ich brauche. Und warum bist du nicht schon längst abgehauen?“
„Ich mache das für meine Zukunft. Die ist das Einzige was zählt.“
„Nur für die Zukunft?“
„Ich lebe praktisch für die Zukunft.“
„Emily, die Gegenwart zu verachten ist töricht, genauso wie die Vergangenheit zu vergessen und die Zukunft nicht zu wollen. Aber denke daran, der entscheidende Punkt liegt im Jetzt. Sonst verpasst du vielleicht etwas, das dich die Vergangenheit gelehrt hat und dir in Zukunft noch wichtig sein könnte.“
Kurz hielt sie inne, dann verließ sie den Laden. Sie hatte schon so viel von diesem Mann gelernt und trotzdem hatte sie sich gefreut, als er damals krank geworden und sie seinen Posten bekommen hatte.
Sie hatte noch Zeit, die Party würde erst später losgehen. Sie saß in ihrem schicken Auto und fuhr von der Autobahn auf die Landstraße. Die Felder waren bereits von dickem Schnee ummantelt und noch immer wirbelten Schneeflocken durch die Luft. In der Ortseinfahrt wurde sie langsamer. Sie kannte die Strecke sehr gut. Immerhin war sie den Weg, als kleines Mädchen oft genug gefahren.
Gegenüber von einem Einfamilienhaus parkte sie ihren Wagen. Das Pastellgelb des Hauses fügte sich vorbildlich in die weiße Landschaft und brachte die grünen Girlanden zum Strahlen. Durch ein großes Fenster war ein riesiger Esstisch zu erkennen. Leckeres Essen türmte sich darauf. Eine alte Dame mit grauem Haar grinste.
Erschrocken zuckte Emily zusammen, als jemand vor der Eingangstür stehen blieb. Es waren drei Personen.
Die Eingangstür wurde geöffnet und ihre Eltern begrüßten die Gäste herzlich. Sie trugen ihre kitschigen Weihnachtspullis und Hausschuhe, die auch Elfen anhaben konnten. Die Tür wurde wieder geschlossen und die Kälte wieder ausgesperrt. Genau wie Emily.
Sie stieg aus dem Wagen und schlich langsam ans Haus. Der Erste, der das Esszimmer betrat und ihre Oma begrüßte, war Daniel. Er hatte noch immer das schelmische Lächeln von damals. Sie dachte an die Weihnachtstage als kleines Mädchen, wie sie gemeinsam von einem Elternhaus zum anderen gelaufen waren. Meist ohne Jacke und Haube, manchmal sogar ohne warme Stiefel, nur mit warmen Elfenschuhen. Sie hatten Kekse genascht und Marshmallows in Kakao gesteckt. Sie war noch nie einem charmanteren Mann begegnet.
Emily klammerte sich an den Zaun und betrachtet das fröhliche Treiben. Sie wusste nicht mehr, wann sie das letzte Mal selbst Teil davon gewesen war.
In ihrem Bauch zwickte und zwackte es. Drinnen waren ihre Freunde und Familie und sie war hier draußen. Der Entschluss kam so schnell, dass sie nicht darüber nachdenken konnte. Sie drückte die Türschnalle des Gartenzauns nach unten, öffnete die Tür und war dabei in den Vorgarten zu treten, als ihr Handy aufgeregt drei Mal hintereinander piepste.
Sie blieb stehen und fischte danach.
Die Party ist unheimlich wichtig. Wir machen es wie besprochen, ich kümmere mich um die Kunden, du um die Geschäftspartner. Komm nicht zu spät!
Prompt steckte sie wieder in ihrem Leben.
Sie stieg in den Wagen, startete den Motor und brauste davon. Die Fahrbahn war bedeckt mit matschigem Schnee. Aber der Allrad würde das schon schaffen.
Sie fuhr aus dem Ort. Schmale Laternen begleiteten sie noch ein Stück. Da fiel ihr jemand auf, der neben der Fahrbahn durch den Schnee wanderte. In dieser eisigen Kälte. Ganz alleine. Einen Stock in der Hand, einen Rucksack am Rücken. Er war tatsächlich ganz alleine. An diesem Abend.
Sie war so auf den Wanderer fokussiert, dass sie das Reh auf der Fahrbahn nicht sah. In letzter Sekunde riss sie den Wagen herum, schleuderte einmal im Kreis und blieb schließlich mit dem Hinterteil des Wagens in einem Feld stehen.
Hektisch atmend stieß sie die Tür auf. Ihr Herz hämmerte fest gegen ihre Brust. Sie war ordentlich durchgeschüttelt worden, aber sie fühlte sich noch komplett.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“
Der Wanderer war zu ihr geeilt. Er hatte graues langes Haar und war in dicke Schichten verpackt.
„Alles in Ordnung! Bei Ihnen auch?“
Sie kroch aus dem Wagen.
Der Wanderer nickte. „Auf dem Weg zu einem besinnlichen Fest?“
„Kann man so sagen.“
„Dann werden ihre Liebsten den Göttern dankbar sein, dass sie es noch heil nach Hause schaffen.“
Emily schluckte schwer.
„Was machen sie alleine hier draußen? Sollten sie nicht auch feiern?“
Sie fühlte die herzzerreißende Einsamkeit, die die Szene vorhin in ihr Herz gebrannt hatte.
„Oh, das, ist schon seit Jahren meine Art zu feiern. Ich habe keine Familie oder Freunde. Die Stille ist mein zu Hause geworden.“
„Sie haben niemanden? Nicht ´mal jemanden, der sie hin und wieder anruft, auch wenn sie diese Anrufe nicht mögen?“, fragte Emily bestürzt.
„Ich habe früher an die falschen Dinge geglaubt. Nun habe ich ein großes Haus, aber niemanden mit dem ich es teilen kann.“
„Kommen Sie, ich bringe Sie zu meiner Familie. Die haben immer einen Platz frei.“
„Dankeschön, aber Sie sollten sich selbst schleunigst zu ihrer Familie aufmachen. Das Essen ist bestimmt schon im Gange. Ich bleibe hier in der Stille und denke über meine Fehler nach. Ich kann meine leider nicht mehr rückgängig machen, ich hoffe, Ihnen geht es da anders.“
Emily stieg in das Auto, während der Wanderer seinen Weg fortsetzte. Nach ein paar Anläufen bewegte sich das Fahrzeug und sie fuhr in die falsche Richtung.
Sie war schneller da, als sie gedacht hatte. Drinnen, war laute Musik und überdrehtes Gelächter zu hören. Die Tür wurde geöffnet.
„Emily, deine Eltern haben gesagt du würdest nicht kommen.“
„Ich habe mich umentschieden. Die Geschenke habe ich aber vergessen.“
Kurz herrschte Stille, in der sie das Schlagen ihres Herzens bis zu den Ohren spüren konnten. Aufgeregt wirbelte es in ihrem Magen. Würde sie überhaupt noch gewollt werden?
„Du bist doch das größte Geschenk.“
Daniel zog sie in eine feste Umarmung. Sie spürte seine zarte Wärme und vernahm den wunderbaren Duft nach Weihnachten.
Nach einer freudigen Begrüßung saß Emily mit ihrer Familie am Esstisch und naschte die Kekse ihrer Großmutter. Ein längst vergessenes Gefühl suchte sie heim. Liebe.
„Kennt ihr diesen Wanderer?“
„Einen Wanderer, sagst du?“
„Ja, ich habe ihn auf dem Weg hierher gesehen.“
Ihre Eltern wechselten einen Blick.
„Wir kennen nur einen Wanderer. Der ist an Heilig Abend immer hier umher gewandert.“
„Ist?“
„Er ist schon seit einigen Jahren verstorben.“
„Den hab ich gut gekannt“, fügte ihre Großmutter hinzu, „War früher ein fescher Mann. Hatte aber nichts anderes als Geld im Sinn. Sein Gesicht ist mit der Zeit immer ernster geworden, bis von seiner Schönheit nichts mehr übrig war. Ist schließlich in diesem großen Haus am Waldrand alleine verstorben.“
Die Stille ist mein zu Hause geworden, wiederholte Emily im Kopf. Das Handy piepste wild, aber sie wusste, sie hatte sich doch für den richtigen Weg entschieden.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehen Hand in Hand. Während andere uns aus ihrer Vergangenheit Wichtiges lehren, können wir in der Gegenwart entscheiden, unsere Aufmerksamkeit auf die bedeutenden Dinge zu richten, die unsere Zukunft sein können. Denn wenn man vergisst zu leben, während man sich der Zukunft widmet, erkennt man womöglich zu spät, dass die wirklich erfolgreichen Augenblicke bereits vergangen sind und auch die Zukunft sie uns nicht wiederbringen kann.

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