Ein doch wundervolles Weihnachten

Ob man Weihnachten feiern und gleichzeitig die Umwelt schützen kann?

Jessica stellte den Coffee to go ab, wickelte ihr Sandwich aus der Alufolie, die sie mit einem Schuss gekonnt in die Mülltonne beförderte, und ließ sich zufrieden auf den Stuhl fallen. Tom, ihr Kollege und Freund, saß am Schreibtisch gegenüber und starrte sie erwartungsvoll an.
„Schon gut, ich erzähle es dir.“
Tom nickte, während er an seiner Tasse nippte und Jessica streifte ihre warmen Handschuhe ab. Draußen war es bibbernd kalt.
„Lukas wünscht sich, dass wir das diesjährige Weihnachtsfest grün gestalten.“
„Grün?“ Tom zog eine Augenbraue nach oben.
„Nachhaltig. Er hat in der Schule gelernt, dass wir Menschen die Welt mit Müll verpesten, alles und jeden ausbeuten und so weiter und so weiter.“ Sie unterstrich ihre Erzählung mit einer Handbewegung. „Seine Lehrerin meinte, ein umweltfreundliches Weihnachten wäre ein guter Anfang. Du weißt, wie verschwenderisch ich bin.“ Sie wickelte ihren neuen Schal um ihren Hals. Den vom letzten Jahr hatte sie erst gestern weggeworfen.
Toms Miene verriet alles.
„Klar, dass dir das gefällt. Du reitest ja auch auf dieser Welle.“
„Es ist nichts Verwerfliches daran, der Welt mit ein wenig Respekt gegenüberzutreten.“
„Jaja, ich habe nichts gegen die Welt. Es entspricht nur einfach nicht meinem Lebensstil. Ich weiß gar nicht, von wem Lukas das hat.“
„Du wirst es also nicht tun?“
„Ich weiß es noch nicht. Es ist der Wunsch meines Kindes, den kann man nicht so einfach ausschlagen. Schon gar nicht zu Weihnachten.“
„Ich wette mit dir, dass du es gar nicht schaffst. Ich wette mit dir um ein Abendessen in dem teuren Restaurant, das um die Ecke aufgemacht hat.“
Jessica schnaubte.
„Tom, ich wette nicht.“
Das wusste er doch eigentlich.
Am nächsten Tag nach der Arbeit parkte Jessica ihren Wagen vor dem Einkaufscenter. Lukas saß am Rücksitz und beobachtete gebannt die kleinen Schneeflocken die sanft zu Boden segelten und sich zu den anderen Flocken legten, die bereits wie Staubzucker die Straße bedeckten.
Sie mussten einkaufen. Morgen würde die ganze Familie sie besuchen und zum dritten Advent musste der Baum schon stehen und die Weihnachtsdeko ausgepackt sein. Außerdem erwartete jeder ein gutes Essen.
Jessica drängte sich mit Lukas an der Hand durch eine riesige elektrische Schiebetür. Schlanke, funkelnde Lichterketten baumelten, nach Betreten des Gebäudes, über ihren Köpfen. Geradeaus stand ein riesiger Weihnachtsbaum, der mit seiner Spitze fast an die Decke stieß und mit riesigen Christbaumkugeln und Schleifen geschmückt war. Darunter befand sich ein riesiger Stuhl mit einem dicken Weihnachtsmann beladen.
Links von ihnen war ein Elektrogeschäft, dessen Fernseher im offenen Schaufenster in voller Lautstärke liefen.
„Mama, Mama, schau!“
Lukas zerrte seine Mutter eifrig zu einem Fernseher. Wunderschöne Vögel flogen über das Bild, während ein Mann sprach. „93% der toten Eissturmvögel haben Plastik in ihren Mägen. An diesen Hochseevögeln kann man erkennen, dass auch an der Nordsee die Plastikverschmutzung angelangt ist.“
„Siehst du?“
Jessica nickte und beobachtete, wie einer der verendeten Vögel aufgeschnitten wurde und Plastik herausquoll. Beschämt drehte sie sich weg. Sie musste den starken Kontrast zwischen fröhlicher Weihnachtsstimmung und totem Kadaver erst verdauen. Jessica packte Lukas am Arm und schnappte sich einen der Christbaumanhänger, die neben dem Fernseher lagen. „Die Eissturmvögel werden es Ihnen danken“, stand darauf.
Jessica wusste nicht, wieso sie es getan hatte, aber als sie nach Hause fuhren, war ihr Wagen mit Dingen beladen, die sie normalerweise nicht gekauft hätte– Ersatz für Lametta, Süßigkeiten für den Baum, die nicht in drei Schichten Plastik eingepackt gewesen waren, Gemüse ohne Verpackung, nur eine Rolle Weihnachtspapier, weil sie noch eine vom letzten Jahr hatte, ein riesiges Gestrüpp in einem Pappkarton, das sie erst zurechtzupfen und aufstellen musste, und das Ganze war auch noch in Stofftaschen eingepackt. Obwohl sich ihr Selbstverrat und der bevorstehende Vorwurf ihrer Familie in ihren Nacken gekrallt hatten, wusste sie tief in ihrem Inneren, dass sie nicht mehr zurückkonnte. Irgendetwas in ihr hatte sich schlagartig verändert.
„Ich nehme die Wette an“, tippte sie schnell in das Handy, bevor sie den Wagen wieder verließ.
Gemeinsam mit Lukas schleppte Jessica den Einkauf bis vor die Wohnung. Begeistert und aufgeregt, rannte der kleine Mann, sobald die Tür offen war, in das Heim und warf unbedacht eine Tasche mit dem Einkauf um. Ungeniert purzelten, die Zwiebel aus dem Sack und kugelten über den Boden.
„Nicht schon wieder“, murmelte Jessica, „Im Normalfall wäre das jetzt nicht zum zweiten Mal passiert.“
Müde und abgehetzt zog sie den Einkauf in die Küche, sammelte die Zwiebel wieder ein und stellte den Kunstbaum im Wohnzimmer ab.
„Du und Tom macht mich arm. Das Ding war echt teuer. Außerdem fehlt nun unser jährliches Ritual bei dem wir den richtigen Baum erst suchen und nach Hause bringen müssen. Fehlt dir das gar nicht, Liebling?“
Jessica betrachtete die Schachtel und überlegte kurz, ob sie die ganzen Dinge wieder zurückbringen und umtauschen sollte. Es war noch Zeit dafür und ihre Familie würde das Ganze sowieso nicht besonders toll finden.
„Nein, Mama! Wir können doch ein neues Ritual finden. Ist es nicht schön, dass wir nicht nur an uns selbst denken?“
„Natürlich, Schatz. Aber..“
„Siehst du! Die echten Bäume sind sowieso teuer“, seine Stimme war vor Aufregung ganz schrill, „Das sparen wir nun jedes Jahr! Du bist doch sowieso immer böse auf den Baum, wenn die ganzen Tannennadeln auf den Boden purzeln.“
„Ich bin nicht böse“, versicherte Jessica schnell, „Es ist nur anstrengend alles wieder zu putzen.“
„Na eben und meine Lehrerin hat gesagt, dass die Äste viel stabiler sind.“
„Aber der Geruch fehlt.“
„Mama, ich wünsche mir, dass wir gute Menschen sind. Für die Welt etwas tun. Sie ein bisschen besser machen.“ Lukas hatte seinen Kopf gesenkt. „Ich möchte etwas Gutes tun. Und dafür können wir doch auf diesen einen Geruch verzichten! Es gibt so viele wichtigere und schönere Sachen zu Weihnachten! Um den blöden Baum geht es nicht!“ Wild stampfte er mit seinem Fuß auf und lief in sein Zimmer.
Jessica blieb verdutzt zurück. Sie war verwundert, wie viel „erwachsener Mann“ in diesem kleinen Racker steckte. Er hatte recht, sie konnte nicht umkehren.
Am nächsten Morgen stellte sie den Baum auf, zupfte die Äste zurecht, schmückte ihn und begab sich dann in die Küche, um zu kochen. Als sie den mit Kräutern bedeckten, Zitronen gespickten und Öl marinierten Tofu in den Backofen schob, wurde die Angst vor der Reaktion ihrer Familie immer größer. Sie verflüchtigte sich auch nicht, als Jessica Rotkraut auftaute, Kohlsprossen im Salzwasser kochte und Dillkartoffeln in Walnussmargarine schwenkte.
Schließlich läutete es an der Wohnungstür. Mit hämmerndem Herzen öffnete sie den Eingang. Ihre Großeltern, Eltern, Geschwister mit Ehepartnern und Kindern und am Ende Tom, streiften ihre mit Schnee bedeckten Schuhe an der Fußmatte ab und betraten die Wohnung, die sie mit einer mütterlichen Wärme umfing.
„Hier riecht es aber gut!“, verkündete ihr Bruder mit hellem Singsang.
Der Moment kam. Alle betraten den Ess-,Wohnbereich und standen vor dem Baum. Das Lametta wird ihnen bestimmt fehlen und die ganzen Süßigkeiten, schoss es Jessica durch den Kopf.
Sie blieb neben Tom vor dem Baum stehen. Die LED-Kerzen funkelten, die roten, dünnen Stoffschleifen hatten so lange Enden, dass sie wie Lametta vom Baum hingen, die Lebkuchenherzen waren mit Stoffbändern angebracht und vereinzelt gab es ein paar eingepackte Schokoleckerbissen, die Jessica schnell ergattert hatte, weil sie nicht auch noch extra in einer großen Plastikbox verpackt gewesen waren.
„Wow, der sieht dieses Jahr aber gut aus“, sagte Jessicas Mutter. Im ersten Moment schien wohl doch niemandem aufzufallen, dass der Baum nicht echt war.
Lukas schlängelte sich um die Hüfte seiner Mutter und schmiegte seinen Kopf an ihren Bauch. Er schien richtig glücklich und stolz zu sein.
„Es ist dieses Jahr aber kein echter Baum“, beichtete Jessica schließlich.
Kurz herrschte ein Moment der Stille.
„Du überraschst mich immer wieder.“ Tom lächelte sie liebevoll an.
„Das ist klug! Genau das wollte ich auch immer!“, verkündete Jessicas Opa fröhlich, „nicht so viel Arbeit und man erspart sich eine Menge Geld!“
Erleichtert atmete Jessica auf.
Als die Familie am Esstisch saß und sie das Essen auf den Tisch stellte, war die Rückseite ihres Kleides nass geschwitzt. Alle starrten auf das Mahl.
„Was ist denn mit dir los? Bist du jetzt echt so ein Öko-Freak oder ist das alles nur ein kleiner vorweihnachtlicher Scherz?“, fragte ihre Schwester mit kühlem Lachen.
Ein paar Herzschläge lang war es erneut leise.
„Weißt du“, setzte ihr Vater schließlich wieder ein, „der letzte Baum, der letzte Wassertropfen, der letzte Sonnenstrahl und der letzte Atemzug werden nicht ausreichen, um die Welt besser zu machen. Das hat deine Schwester erkannt und deshalb ändert sie jetzt etwas, bevor es zu spät ist.“
Jessica räusperte sich, nickte und wischte sich Schweiß von der Stirn.
Am Ende war das ganze Essen verputzt.
In einem ruhigen Moment legte Tom seine Hand auf Jessicas.
„Wie kam es zu dem Sinneswandel?“
„Zwei sehr kluge Männer in meinem Leben haben mir gezeigt, um was es wirklich geht. Respekt und Liebe für unseren Planeten und die Lebewesen darauf. Gerade zu Weihnachten sollte uns das viel bewusster sein. Denn es geht damit auch um den Respekt zu uns selbst und unserem Leben. Nur in einer glücklichen Welt können wir selbst unser Glück finden.“
„Das heißt, du hast wohl gewonnen.“
„Jetzt tu´ nicht so, als hättest du das nicht geplant gehabt.“
Beide lachten, während im Hintergrund geplaudert, Kekse genascht und Weihnachtsmusik gehört wurde. Ein perfekter Advent wie jedes Jahr. Denn das Wichtigste konnte man sowieso nicht falsch machen: Die Zeit mit den Liebsten zu verbringen.

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